Lappland - Radtour

- Reisetagebuch -

15.7.-17.7.


Mittwoch, 15.7.

9.06: Nach langen Vorbereitungen starten wir vom Bahnhof Freienohl: Andree, Sebastian und Martin; zur Lappland - Tour 92 - unserer bislang größten Radtour. Unsere Räder sind bereits seit einer Woche unterwegs, zusammen mit den Lebensmittelpaketen.

Sebastian hätte in letzter Minute fast zu Hause bleiben müssen, lahmgelegt durch eine Lebensmittelvergiftung. Mit massiver Medikamentenunterstützung schleppt er sich aber am Mittwochmorgen tapfer zum Zug. Leider darf er in den nächsten beiden Tagen nicht viel essen, insbesondere aber kein Bier trinken - was ihm in unserer Gesellschaft schwer fällt.

Nach kurzer Fahrt ist Kassel erreicht, hier steigen wir in den ICE nach Hamburg um - für uns alle die erste Fahrt mit dem ICE. Dementsprechend neugierig machen wir uns schon nach kurzer Zeit auf, um den Superzug der Bahn näher zu erkunden. Er ist mit seiner Technik schon beeindruckend! Zuerst sind wir beim Blick aus dem Fenster auf die vorüberziehende Landschaft ein wenig enttäuscht von der relativ langsamen Geschwindigkeit; bis wir die Geschwindigkeitsanzeige auf dem Borddisplay entdecken: 247 Km/h! Nur an den schwankenden Schritten beim Durchqueren des Zuges fällt einem die hohe Geschwindigkeit richtig auf. Auch die von uns gebuchten Video-Plätze vertreiben einem recht gut die Zeit; mit Kopfhörer hätte man natürlich noch mehr davon. Der freundliche Zugbegleiter informiert uns auf Anfrage, daß jeder Reisende das Recht hat, soviel Gepäck mitzunehmen, wie über und unter seinem Sitz verstaut werden kann - d.h., mit einem mittelgroßen Rucksack ist man damit schon fast am Ende.

Beim Umsteigen in Hamburg Hbf. werden uns zum ersten Mal die Taschen schwer: mit all den Satteltaschen, Umhängetaschen, Lenkertaschen fühlen wir uns wie Django - nur ohne Pferd. Natürlich fährt auch die Rolltreppe gerade in die falsche Richtung! Schnell werden noch letzte Bücher für die einsamen Stunden in Lappland gekauft, (später brachten vor allem die Zombie - Kurzgeschichten viel Erheiterung), dann läuft auch schon der Nachtzug nach Stockholm ein.

Wer wird mit uns im Abteil sein? Wir denken zurück an die Fahrt 1990 durch Nordeuropa - damals waren wir zu sechst unterwegs und hatten somit jeweils ein komplettes Abteil für uns allein - selbst kochen konnten wir unterwegs im Zug (und auch schon mal eine kleine Überschwemmung mit einem umstürzenden Topf anrichten...)

Doch welch erfreuliche Überraschung: es erwarten uns drei junge Damen im Abteil; 2 Norwegerinnen auf der Rückfahrt zu den Lofoten und eine junge Schwedin, die wohl als Au-Pair-Mädchen gearbeitet hat. Als wir nach einiger Zeit unsere Landkarten herausziehen und uns nochmals die Reiseroute ansehen, erleben wir bei ihnen nur ungläubiges Staunen.

Irgendwie macht sich die Hektik des Tages langsam bemerkbar, und wir richten uns auf unseren Liegen für die Nacht ein. Zunächst gilt es aber noch, die kostenlose Fährüberfahrt von Puttgarden nach Rödby zu genießen und letzte zollfreie Einkäufe zu tätigen. Hätten wir doch nur von manchen Dingen mehr gekauft! Bald geht es weiter durchs inzwischen nächtliche Dänemark; wir kriechen unter die Decken.

Mitten in der Nacht werden wir aus dem Schlaf aufgeschreckt: erst wollen die dänischen Grenzer unsere Pässe sehen, kurz darauf die schwedischen. Zu allem Überfluß sind auch noch die Toiletten abgeschlossen, was am meisten quält. Immer wieder rangiert der Zug vor und zurück, bis alle Waggons von der Fähre herunter sind. Ganz schön störend! Es dauert lange, bis wir wieder einschlafen können.

Donnerstag, 16.7.

Gegen 5 Uhr verläßt die Schwedin in einer kleinen Stadt den Zug; wir anderen frühstücken und kommen ein wenig miteinander ins Gespräch. Die beiden Norwegerinnen sind Studentinnen und mit Interrail unterwegs gewesen; für sie endet mit dieser Fahrt die Ferienzeit. Wir verabreden, sie auf der Rückfahrt von Tromsö nach Narvik zu besuchen, falls uns noch genügend Zeit für einen Abstecher nach Harstad bleibt.

Draußen wird das Wetter immer besser; gegen 10 Uhr tauchen die ersten Vororte von Stockholm auf, und wir machen uns startklar. Da der Zug in Stockholm Zentrum endet, besteht keine Notwendigkeit zur Eile. Weil der Anschlußnachtzug erst um 18 Uhr abfährt, wollen wir uns in der Zwischenzeit intensiv Stockholm ansehen. Zunächst muß aber erst das Gepäck ins Schließfach. Leider mangelt es uns doch gewaltig an 5-Kronen-Stücken und es dauert eine ganze Weile, bis wir genügend eingetauscht haben.

Dann geht's los! Die Einkaufsmöglichkeiten in den Markthallen am Hö Torget begeistern uns nicht besonders (vor allem in Bezug auf die hohen Preise), also hinein in einen schwedischen Supermarkt und genug für ein Picknick gekauft.

Von früheren Stockholmaufenthalten kennen wir ein paar nette Plätzchen, wo man sich ausruhen und gleichzeitig eine Menge sehen kann. Und als wir unsere alte Pizzeria in der Einkaufszone sehen, können wir nicht mehr widerstehen: zum Pauschalpreis von 50 SEK gibt es diesmal sogar noch ein großes Glas Lettöl dazu! Am Kungs Trägarden wird gerade anläßlich eines Stadtwerke - Jubiläums eine PA für den Abend aufgebaut; wir schauen ein wenig zu, genießen die warme Sonne und die kostenlose Musik. Auf einer kleinen Halbinsel vor dem Königspalast scheint was los zu sein, also nichts wie hin. So können wir die Fernsehaufnahmen von verschiedenen Bands miterleben. Dann geht es ein wenig durch die Altstadt, durch die sich ein ununterbrochener Strom von Touristen wälzt. Noch schnell ein Abstecher zur Wachparade, ein Besuch im Straßenpissoir (dafür fehlen in Stockholm wirklich ruhige Plätzchen), und dann haben wir eigentlich genug erlebt. Auf dem wirklich schönen Rasen vor dem Schloß lassen wir die Zeit vorübergehen.

Zurück am Bahnhof werden die letzten verderblichen Lebensmittel aus Deutschland (z.B. Thunfischsalat) fachmännisch entsorgt; dann warten wir gespannt auf die Ankündigung auf der elektronischen Anzeigetafel, von welchem Gleis unser Zug in den Norden abgehen wird. Leider wechselt dabei wohl von Tag zu Tag der Bahnsteig, und selbst die Auskunftsbeamtin kann uns vorab dazu nichts sagen. Endlich, 15 Minuten vor Zugabfahrt erscheinen unsere Daten auf der riesigen Tafel. Jetzt heißt es wieder loshetzen und das richtige Stockwerk und den richtigen Bahnsteig finden. Wir verfluchen die unhandlichen Radtaschen, deren Riemen in die Hände schneiden.

Kaum sitzen wir im richtigen Abteil, fährt der Zug auch schon ab. Unsere Mitfahrer sind ein älteres schwedisches Ehepaar und eine Schwedin, die wohl unterwegs zu einer Wandertour ist. Nach kurzer Zeit kommen wir (auf englisch) miteinander ins Gespräch; die Schwedin dolmetscht dabei für das Ehepaar. Der Mann, so um die 60(r), ist aktiver Marathon - Läufer und unterwegs zu einem Lauf in Kiruna. Stolz zeigt er uns die Aufkleber von seinen bisherigen Rennen, u.a. von einem 90'er-Rennen in Berlin. Wir können es kaum glauben. Bald steht unsere erste Reiseflasche auf dem Tisch (zuerst muß der Whisky dran glauben) und wir Bechern ein wenig mit unseren Zugbegleitern dieser Nacht. Die wanderfreudige Schwedin ist unterwegs nach Galliväre, von dort will sie mit dem Bus weiter ins Gebirge hinein, wo sie sich an einer gottverlassenen Haltestelle mit ihrem Mann treffen will, der bereits seit einer Woche auf Wandertour über den Königsweg ist. Auf unsere Frage, was sie machen will, wenn ihr Mann nicht pünktlich da sein sollte, zuckt sie nur unbekümmert die Schultern.

Dann holt uns auch auf dieser Strecke der Schlaf ein.

Freitag, 17.7.

Irgendwann im Laufe der Nacht haben wir den Polarkreis überschritten. Die Landschaft draußen hat sich drastisch verändert: es wachsen nur noch kleine Birken, und überall blitzt es sumpfig-naß aus der Bodenvegetation hervor. Es sieht über viele Kilometer hinweg trostlos aus. In Galliväre verabschiedet sich die Schwedin von uns, wir stellen uns bildlich vor, wie sie sich ihren Weg zu Fuß durch den Sumpf sucht. Hoffentlich bleibt ihr bei dem schweren Rucksack wenigstens eine Hand frei zum Verscheuchen der Mücken. Da werden wir es bei unserer Geschwindigkeit besser haben.

Nach 1300 Km ab Stockholm erreichen wir pünktlich mittags unseren Zielort Kiruna. Hier endete 1990 unsere Radtour - hier wollen wir in diesem Jahr weitermachen.

Zunächst einmal empfängt uns eisige Kälte! Das Außenthermometer am Bahnhof zeigt 7° Grad Celsius - und das Mitte Juli! Aber was soll's - wegen der Temperaturen sind wir ja nicht gefahren; und obendrein gibt es dadurch auch keine Mücken. Es gilt nun erst einmal den Ansturm der Rucksacktouristen auf die Gepäckaufbewahrung im Bahnhof abzuwarten, ehe wir unseren Gepäckschein für die Räder und das Freßpaket vorzeigen können. Bedenklich, bedenklich - unsere Räder sind im Raum hinter dem Schalterbeamten nirgends zu sehen, nur unser Paket liegt im Regal! Endlich sind wir an der Reihe - Räder aus Deutschland? Hier jedenfalls nicht, aber vielleicht steht noch was im Schuppen nebenan - der Beamte will nachschauen, wenn er Zeit hat. Wir warten - und warten weiter. Dann kommt der Beamte und die Spannung steigt. Gott sei Dank - da stehen sie und erwarten uns! Nichts ist beschädigt, alle Schaltungen funktionieren und wir sind zufrieden.

Aber was ist mit dem Paket? Es ist unten feucht und es riecht schwach nach Fusel - uns kommt ein schlimmer Verdacht: hat eine Flasche unseres Medizinvorrats den Transport nicht überlebt? Dabei war doch alles so gut mit dem Toilettenpapier gepolstert!

Zum Glück ist es nur eine Warsteinerdose, die nach innen aufgeschlitzt und ausgelaufen ist!! Der Rest ist o.k. und hat alle Zollbarrieren anstandslos passiert.

Jetzt wird an den Rädern herumgebastelt: die Spiegel und Tachos werden montiert; alles einmal überprüft - vor zwei Jahren in Bodö hatten wir ja einige Probleme mit lockeren Schrauben. Und dann muß natürlich das gesamte Gepäck auf die 5 Fahrradtaschen und die Rolle auf dem Gepäckträger gewichtsmäßig gleichmäßig verteilt werden. Noch eine letzte Probefahrt - die Räder sind erschreckend überladen! Wir haben mal wieder zuviel dabei, zumindest für die ersten Tage.

Um 14.30 beginnt endlich unsere Radtour! 54 Stunden Anreise liegen bereits hinter uns - jetzt kribbelt es mächtig in den Waden - wird unsere Kondition - und natürlich auch das Material ! - bis zum Eismeer reichen, oder werden wir früher umdrehen müssen? Egal, heute sollen noch einige Kilometer gemacht werden!

Es läuft gut! Die langen Hosen und die Windjacken sind zwar notwendig, die Strecke aber ist prima: immer flach und leicht bergab einem Flußtal entlang. Schon bald liegt Kiruna hinter uns und wir fahren durch die lappländische Einöde.

Nach einiger Zeit überholen wir einen einsamen Rucksack-Tramper. Bei einer Rast kommen wir mit ihm ins Gespräch: er will noch runter bis Göteborg. Wir wünschen ihm viel Glück und fahren weiter.

Abends erreichen wir Svaapavaara; hier kaufen wir Brot und Butter und einige Getränke im Supermarkt ein; an der Tankstelle versorgen wir uns mit Frischwasser für das abendliche Kochen. Inzwischen ist es 18 Uhr geworden; wir beschließen, kurz hinter Svaapavaara zu übernachten. Etwas abseits neben der Straße finden wir einen geeigneten Platz - und die ersten Mücken!!

Während wir noch unser Zelt zum ersten Mal hochziehen, sausen mit dem Ruf "Hey! Biker!" zwei andere Radfahrer vorbei - dem Tempo nach zu urteilen haben sie noch Großes vor!

Wir machen es uns vor dem Zelt gemütlich und beginnen zu kochen - gegen die immer aufdringlicher werdenden Mücken hilft unsere Kleidung, das frisch erstandene Dschungel-Olja und ein kleines, rauchendes Feuerchen. Diese erste Schlacht gegen die Mücken gewinnen wir (es soll unser einziger Sieg bleiben, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht....)

Unser Benzinkocher, nun zum ersten Mal gefüllt, bewährt sich! Nach Spätzle und Hackfleischsauce, verfeinert mit Parmesan und einigen Dosen Warsteiner verschwinden wir zur verdienten Nachtruhe im Zelt - 50,2 Tageskilometer mit einem Reiseschnitt von 18,2 und einer Maximalgeschwindigkeit von 41,2Km/h liegen hinter uns. Aber was heißt hier ,,Nachtruhe"? Die ganze Nacht hindurch knallt die tiefstehende Sonne aufs Zeltdach; dementsprechend hell ist es innen - und dementsprechend unruhig ist unser Schlaf! Demnächst werden wir das Zelt irgendwo im ,,Schatten" aufbauen.


[18.7.-22.7.][23.7.-26.7.][27.7.-30.7.][31.7.-06.8.]

by Sebastian Post

-- -- Karl Brodowsky http://home.pages.de/~bk1/