Lappland - Radtour

- Reisetagebuch -

27.7. - 30.7.


Montag 27.7.

Heute wird natürlich erst mal etwas länger geschlafen; allerdings müssen wir auf den Termin des Frühstücksbüffet Rücksicht nehmen: das wollen wir uns nicht entgehen lassen!

Für 60 NOK ,,Eintritt" betreten wir gegen halb acht das Bordrestaurant; danach wird zwei Stunden lang ausgiebig gefrühstückt so viel, wie hineinpaßt. Dabei treffen wir auch auf die ,,normalen" Kreuzfahrt Passagiere, meist ältere Ehepaare, vorwiegend Amerikaner. Während die sich meist mit etwas Toast, Kaffee und Orangensaft begnügen, machen wir uns zielstrebig über das Buffet her. Gleich zeitig genießen wir aus den großen Panoramafenstern den Blick auf die vorbeiziehende norwegische Fjordküste.

Am Vormittag legt das Schiff zu einem anderthalbstündigen Aufenthalt in Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt, an. Wir haben Zeit für einen ausgiebigen Stadtbummel. Hier in Hammerfest ist in den hellen Sommerwochen wirklich was los! Wir sitzen am Marktplatz und schauen dem Treiben um uns herum zu. Es ist auch mal schön, keinen Sattel unter dem Hintern zu spüren.

Wie es der Norweger in Mehamn bereits angekündigt hat, verschlechtert sich das Wetter am Nachmittag immer mehr. Es wird immer dunkler und diesiger; gegen 16 Uhr setzt starker Regen ein, der uns vom Deck vertreibt. Bei den Kreuzfahrern macht sich gähnende Langeweile breit; die Lieblingsbeschäftigung scheint Stricken oder Lesen zu sein. Wir haben zum Glück noch unser Kartenspiel.

Die ,,Narvik" läuft planmäßig ihre Häfen an; dabei gibt es für uns immer etwas zu sehen. Irgendwann am Nachmittag große Aufregung: die Maschinen werden gestoppt und die norwegische Flagge herunter geholt: draußen im Fjord zieht das Schiff des norwegischen Königs vorbei. Die Amerikaner stürzen mit Teleobjektiven und Videocameras an Deck. Die königliche Yacht grüßt, und wir können weiterfahren.

Gegen Abend müssen wir bereits die Kabine freimachen. Wir bringen unser gesamtes Gepäck schon mal zu den Fahrrädern und schnallen es fest. Dann genießen wir die Einfahrt in das abendliche Tromsö, zwischen den vielen SchäreninseIn hindurch.

Um 23.30 erreichen wir den Liegeplatz in Tromsö; hier verlassen wir das Schiff. Unsere 2. Etappe soll uns - wieder per Rad - von Tromsö nach Narvik bringen.

Die Schiffahrt war auf jeden Fall eine abwechslungsreiche Unterbrechung.

Tromsö erwartet uns mit äußerst bescheidenem Wetter. Da sich in dieser starken Bebauung kein Lagerplatz finden läßt, wollen wir die Stadt so schnell wie möglich verlassen. Dazu müssen wir aber erst einmal über die gigantische Brücke über den Sund hinüber ans Festland. Dabei bekommen wir die volle Wucht des Windes zu spüren. Am anderen Ende der Brücke kann uns auch die hell erleuchtete Eismeerkathedrale nicht locken. Im matten Licht der Straßenbeleuchtung sieht es so aus, als ob Sebastian frische Bruchstellen am hinteren Zahnradkranz hat. Da außerdem noch Regen einsetzt, versuchen wir unser Glück bei einem etwa 2 Kilometer entfernten Campingplatz. Dort ist natürlich alles schon geschlossen; ein freundlicher Nachtwächter läßt uns aber dennoch auf den Platz und meint, wir sähen doch ziemlich erschöpft aus; wir sollten uns am Morgen in der Rezeption anmelden.

In kürzester Zeit haben wir einen Platz festgelegt und unser Zelt aufgebaut. Während draußen der Regen herunter rauscht, verkriechen wir uns in den warmen Schlafsäcken.

Dienstag, 28.7.

Aufstehen oder nicht aufstehen? Wir entscheiden uns, zunächst ein wenig auf dem Platz zu bleiben, eventuell noch für eine zweite Nacht, falls das Wetter weiterhin so schlecht bleibt. Rings um unser Zelt stehen Pfützen; es muß über Nacht eine Menge geschüttet haben. Martin, später auch Andree, erkunden das Gelände und landen in der warmen Cafeteria. Die freundliche Serviererin kann uns auch nicht mit einem besseren Wetterbericht weiterhelfen, wohl aber mit kostenlosem Kaffee in unbeschränkter Menge. Wir nutzen diesen Service ausgiebig.

Nach dem Mittagessen, bei dem auch die umherstreifenden Katzen ihren Teil abbekommen, bessert sich das Wetter doch noch ein wenig. Wir beschließen die Weiterfahrt.

Inzwischen klappt es mit dem Zeitabbau immer besser, und wir sind am frühen Nachmittag schon wieder unterwegs. Ein großer Supermarkt am Stadtrand lädt noch einmal zum Auffüllen des Proviants ein.

Von jetzt ab folgen wir der Route aus unserem Reiseführer ,,Norwegen per Rad". Dadurch können wir öfter mal der viel befahrenen E 78 ausweichen und kleinere Nebenstraßen nutzen. Aus diesem Grund weichen wir auch in Fagernes von der E 78 ab und fahren in großem Bogen durch die Lyngs - Alpen; sicherlich ein großer Umweg, dafür aber wesentlich ruhiger zu fahren. Vorbei an großen Radar- und Antennenanlagen zur Erforschung des Nordlichts führt unsere Route wieder nach Norden. Gegen Abend erwischen wir gerade noch die letzte Fähre über einen Fjordarm

Auf der anderen Seite müssen wir irgendwo einen Platz für die Nacht finden, da die Berge auf den nächsten Kilometern immer dichter an den Fjord heranrücken werden und wohl gar nichts mehr kommen wird. Erst versuchen wir es hinter einer Fabrik; dann aber finden wir einen prima gelegenen Rastplatz direkt am Fjordufer mit schönem Rasenboden. Zwei andere Deutsche haben es sich auch schon gemütlich gemacht.

Von allen bisherigen Lagerplätzen bietet dieser wohl die eindruckvollste Kulisse: direkt vom Fjord aus steigen auf allen Seiten die Gipfel der Lyngs - Alpen empor; laut Karte bis zu 1800m hoch (Siehe Titelbild).

Trotz des späten Aufbruchs haben wir noch 64 Km geschafft (Schnitt 13,55, Max 43). Nach einem heißen Frühlingssüppchen (langsam gehen unsere Vorräte zur Neige und wir müssen uns schon an das Trockenfutter halten) verschwinden wir im Zelt. Erstmals brauchen wir auch keine Mückenspirale. Den kleinen Plagegeistern scheint die Kälte und Nässe nicht gut zu bekommen.

Mittwoch, 29.7.

Das Wetter ist weder gut noch schlecht; es ist überhaupt nicht da! Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von den Anderen auf dem Rastplatz, nicht ohne vorher mit ihrer Hilfe an ein Gruppenfoto gekommen zu sein.

Die Strecke führt bis ans Fjordende immer am Wasser entlang; dann müssen wir ins nächste Fjordtal eine kleine Bodenschwelle überwinden. Unterwegs finden wir zufällig einige Lappenzelte am Wegesrand. In Lyngseidet können wir auf der gegenüberliegenden Fjordseite bereits die stark befahrene E 6 erkennen; wir bleiben aber zunächst auf der anderen Seite.

Im Supermarkt von Lyngseidet kaufen wir endlich auch die eingeplanten Hamburger samt Zubehör. Sie sind für das Abendessen bestimmt. Zu Mittag gibt es riesige Mengen Joghurt; zum Kaffee einen norwegischen Kuchen.

Wettermäßig haben wir am Nachmittag großes Glück: immer wieder können wir vor wir und hinter uns starke Regenschauer erleben; wir selbst müssen zwar immer wieder die Regenponchos anziehen, bleiben aber weitgehend verschont.

Laut Reiseführer nähern wir uns nun einem für Radfahrer gesperrten Tunnel, um den wir uns über das Fjell herumquälen sollen. Nun haben wir uns daran schon 1990 nicht gehalten; also wollen wir uns die Sache erst einmal ansehen. Der Tunnel sieht aber wirklich nicht einladend aus und scheint auch noch anzusteigen. Wir wählen also die Strecke außen um den Fjord herum und bereuen es nicht.

Gegen Abend kommen wir doch nicht um ein kleines Stück auf der E 6 herum; der Verkehr ist wirklich enorm; viele Wohnmobile nehmen zwar auf uns Rücksicht, manche aber eben nicht, und wir bekommen dann jedesmal einen Schwall Wasser von unten ab. Wir folgen daher dem Rat unseres Reiseführers und biegen in Övergard in ein Nebental ab. Lieber Berge strampeln, als ständig am äußersten Straßenrand fahren zu müssen.

Für heute langt es uns aber auch; wir besorgen uns Trinkwasser an einem Bauernhaus (und kommen dabei mit der ganzen Familie ins Gespräch) und suchen uns ein abgelegenes Plätzchen abseits der Straße. Inzwischen haben wir uns ganz an das norwegische Jedermannsrecht zum Campen in der freien Natur gewöhnt.

Die Hamburger - Brötchen sind inzwischen aufgetaut (haben aber auch leider ein wenig ihre Form verloren). Nachdem wir 15 Stück vertilgt haben, sind wir erst einmal gesättigt. Appetit auf Hamburger verspürt in den nächsten Tagen niemand mehr...

Wieder haben unsere Räder 62 Kilometer zurückgelegt (Schnitt 16,2; Max 43)

Donnerstag, 30.7.

Es ist zwar stark bewölkt, aber trocken. Schnell ist alles verpackt und wir machen uns an den Gebirgsanstieg. Die Streckenführung verheißt ordentliche Steigungen. Immer wieder versperren steile Berge den Weg; aber immer wieder findet die Straße eine Umgehung. Während wir noch auf ein wirklich steiles Stück warten, haben wir anscheinend schon den Paß geschafft, denn plötzlich geht es nur noch abwärts!

Sogar die Sonne bricht durch! In einem kleinen Ort rasten wir und holen uns Mohnhörnchen und Käse im Landhandel. Nach einer ausgiebigen Pause geht es weiter; allerdings sitzt uns schon bald wieder das schlechte Wetter im Nacken.

In einer Cafeteria an einer Straßenkreuzung warten wir einen Regenschauer ab; danach biegen wir in ein Seitental ab, denn wir wollen Europas längster Fischtreppe einen Besuch abstatten. Die Regenwolken rücken bedrohlich näher. Sebastian ist mit seinem Hinterrad nicht glücklich; immer wieder sind außergewöhnliche Geräusche zu hören, ohne das er die Ursache ausmachen kann.

Leider wird die Gegend immer dichter besiedelt; wir wollen also den nächsten Campingplatz ansteuern. Da der aber ganz unter um Tal liegt, tauchen wir in einem Kiefernwäldchen unter und finden auch einen geeigneten Platz am Ende eines Feldweges. Wegen der vielen Baumwurzeln zeichnen wir die Zeltumrisse erst mal auf dem Boden auf und bauen dann ,,nach Plan".

Das Rauschen eines riesigen Fluß - Wasserfalls begleitet uns an diesem Abend in den Schlaf. Nach 70 Fahrtkilometern (Schnitt 14,6; Max 42) stößt die ,,Hirtensuppe" trotz hinzugefügter Mettwürstchen auf allgemeine Verachtung. Wir freuen uns schon auf Narvik und das neue Proviant - Paket.


[15.7.-17.7.][18.7.-22.7.][23.7.-26.7.][31.7.-06.8.]

© by Sebastian Post

-- Karl Brodowsky http://home.pages.de/~bk1/